22 Mär

Jubiläumsjahr 2017 - 500 Jahre Reformation

 

Jubiläumsjahr 2017  -  500 Jahre Reformation

Was geschah damals wirklich?

 

„Es begann mit Hammerschlägen...“, so könnte man heute das Bild vom Beginn der Reformation skizzieren. Tatsächlich war die Reformation ein komplexer jahrzehntelanger Prozess, dessen Ursachen weit in die Geschichte zurück reichen. Nur wenige historische Ereignisse haben nachhaltig so viel verändert wie die Reformation des 16. Jahrhunderts. Sie hinterließ weltweit Spuren, die auch heute noch sichtbar sind.

 

Mit „Reformation“ (lat. Erneuerung, Wiederherstellung) wird heute die Erneuerungsbewegung im frühen 16. Jahrhundert bezeichnet, die in Deutschland überwiegend von Martin Luther, in der Schweiz von Johannes Calvin und Huldrich Zwingli angestoßen wurde.

 

Der 31. Oktober 1517 war der Tag vor Allerheiligen, an dem der Mönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasses von Seiten der römischen Kirche an die Schlosskirche in Wittenberg geschlagen haben soll. Obwohl diese Thesen nur  für eine Disputation unter Theologen bestimmt waren, fanden sie bald Widerhall unter dem Volk, bei einfachen Bürgern und Handwerkern, bei Künstlern und Gelehrten. Die gerade aufkommende Buchdruckerkunst trug wesentlich zur raschen Verbreitung  bei. Die 95 Thesen sollen, einem Flächenbrand gleich, binnen 14 Tagen in ganz Mitteleuropa bekannt gewesen sein und das ganz ohne moderne Massenmedien. Doch wie ist diese  gewaltige Wirkung damals zu erklären?

 

Diese Impulse zur Veränderung waren deshalb so erfolgreich, weil sie auf einen bestimmten kirchlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontext trafen. Frühere Reformbewegungen , wie etwa um John Wiklif (England) oder Jan Hus (Böhmen) haben den Boden bereitet, der Humanismus und die Renaissance haben ein geeignetes Klima geschaffen. Luther war zur rechten Zeit am rechten Ort, nämlich in Wittenberg, wo andere große Geister mit ihm zusammen arbeiteten— Melanchthon, Cranach, Bugenhagen— und wo vor allem ein mächtiger Kurfürst, Friedrich der Weise, schützend seine Hand über ihn hielt. Luther war auch der richtige Mann als Reformator. Das Geheimnis der Reformation ist vor allem in der Frömmigkeitserfahrung Luthers zu finden.

 

Wegbereiter der Reformation

 

Luther wurde in die Zeit der spätmittelalterlichen Kirche hineingeboren (geb. 1483 in Eisleben), in eine kinderreiche, arme Familie mit hart arbeitenden Eltern. Von Kindheit an bestimmte ihn der Vater zum Studium der Rechtswissenschaften. Doch bei einer Heimreise zurück zur Universität ereilte ihn ein Zwischenfall in Form eines heftigen Gewitters und in seiner Angst vor Todesgefahr tat er das Gelübde: „Hilf, Sankt Anna, ich will ein Mönch werden!“ Schon seit längerem bewegte ihn das aufrichtige Verlangen von Sünden frei zu sein und Frieden mit Gott zu haben. Da erschien ihm ein Mönchsleben dazu am besten geeignet. In der Universitätsbibliothek fand er eine lateinische Bibel, die er von da an mit ehrfürchtigem Staunen und mit Eifer studierte. Der beständige Schrei seines Herzens war: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“

 

Er führte ein strenges Leben und bemühte sich, das Böse in seinem Wesen durch Fasten, Wachen und Askese zu besiegen. Aber trotz aller Anstrengungen fand er den ersehnten Frieden nicht.   Erst sein Beichtvater Staupitz lehrte ihn, von den ewigen Strafen wegzusehen auf Jesus Christus, den sündenvergebenden Erlöser: „Liebe ihn, der dich zuerst geliebt hat!“ Da erfasste er Gottes Gnade und Frieden zog in seine gequälte Seele ein.

 

Luther muss vor dem Hintergrund einer spätmittelalterlichen Frömmigkeit bewertet werden.    Die Menschen damals waren allgemein streng religiös, aber es war eine Frömmigkeit, die hauptsächlich von Angst bestimmt war, Angst vor einem zornigen und richtenden Gott mit seinen Sündenstrafen, vor dem Fegefeuer und vor der ewig brennenden Hölle. Diese Angst wurde vom Klerus bewusst geschürt, brachte sie doch ein einträgliches Geschäft mit den Ablassbriefen, mit denen man sich von Sündenstrafen freikaufen konnte. Die gewöhnlichen Leute hatten keinen Zugang zur Bibel, die ihnen hätte helfen können den Schwindel aufzudecken. Es gab nur wenige Exemplare in Lateinisch, angekettet in Klöstern oder Universitäten und auf Grund der Sprachbarriere nur den Gelehrten zugänglich.

 

Unter dem Vorwand, Mittel für den Bau der Peterskirche in Rom zu erheben, wurden namens der Autorität des Papstes Leo X. öffentlich Sündenablässe zum Verkauf angeboten. Der römische Beauftragte, der Dominikanermönch Johann Tetzel  leitete den Ablasshandel in Deutschland. Durch den Kauf eines Ablasses sollten dem Käufer alle Sünden, auch noch so ungeheuerliche, vergeben werden: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt!“ Der Rubel rollte  und armen Leuten wurde das letzte Geld aus der Tasche gezogen. Doch die Menschen wurden betrogen. Die Gnade Gottes zur Vergebung der Sünden ist kein Geschäft! Luther bekam als Seelsorger die demoralisierenden Folgen des Ablasshandels bei seinen Beichtkindern bald zu spüren.

Sie gaben an, Dieberei, Wucher und andere schreckliche Dinge nicht mehr ablegen zu brauchen, denn dafür hätten sie ja Ablass gekauft. Luther, darüber ungehalten, wollte sie nicht von ihren Sünden lossprechen. Er lehrte von der Kanzel, dass nichts als die Buße (Umkehr) und der Glaube an Jesus Christus den Sünder retten kann.

Der Konflikt entlud sich, als die 95 Thesen an die Kirchentüre zu Wittenberg geschlagen wurden, in denen sich Luther gegen die Missbräuche der Kirche wendete und eine Rückbesinnung auf die biblischen Grundlagen des Evangeliums forderte.

 

Luthers Forderung nach Reformen traf also den Nerv der Zeit. Durch die zunehmende Verweltlichung, den unsittlichen Lebenswandel der Geistlichkeit und die Käuflichkeit kirchlicher Ämter war der Unmut in der Bevölkerung und beim Adel schon sehr groß. Selbst Fürsten und ganze Städte stellten sich hinter Luther und seine Thesen.  Nachdem immer mehr Reichsstände die Reformation annahmen, drohte das Reich in zwei konfessionelle Lager zu zerfallen. Luther hatte keineswegs im Sinn die Kirche zu spalten! Er bestritt bis dahin nicht das Papsttum, sondern verurteilte nur die Missbräuche, die nach seiner Meinung abgeschafft werden sollten.

 

Doch Rom erwies sich als resistent gegenüber allen Reformversuchen und fand darauf nur eine Antwort: „Widerrufe!“ Und als der Widerruf ausblieb: „Auf den Scheiterhaufen mit diesem Ketzer!“  Doch seiner Auslieferung nach Rom widersetzte sich der Kurfürst. Der Bruch Luthers mit Rom erfolgte erst, als die Bannandrohungsbulle aus Rom in Wittenberg eintraf. Luther verbrannte sie öffentlich mit den Worten: „Weil du die Wahrheit Gottes verderbt hast, verderbe  dich der Herr heute in diesem Feuer!“

 

Worms und die Wartburg

 

Nach der Verbrennung der päpstlichen Bulle, musste Luther auf Anordnung von Kaiser Karl V. auf dem Reichstag in Worms 1520 erscheinen. Der Kaiser gab ihm freies Geleit, doch sein Weg war gefährlich, denn er war nicht zum Widerruf bereit. So stand er vor dem damals allerhöchsten Gremium von Kaiser, Kurfürsten und Würdenträgern des deutschen Reiches und beantwortete die Aufforderung zum Widerruf so: „Wenn ich nicht durch das Zeugnis der Heiligen Schrift oder Gründe der Vernunft überwunden werde- denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, da es feststeht, dass sie öfter geirrt haben– bin ich durch die von mir angeführten Schriftworte bezwungen. Mein Gewissen ist gefangen in Gottes Worten. Widerrufen kann und will ich nichts, weil gegen das Gewissen zu handeln ist unsicher und bedroht die Seligkeit. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“

Mit Luthers Berufung auf sein Gewissen, das  freilich noch in der Heiligen Schrift gegründet war, nahm eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte ihren Lauf.

 

In der Folge wurde über Luther die Reichsacht verhängt. Sein Beschützer, Kurfürst Friedrich der Weise, ließ ihn heimlich entführen um Schlimmeres zu verhindern. Hier saß er nun auf der Wartburg, zwar als Gefangener aber doch in Sicherheit. Hier hatte er Zeit, den zweiten großen Meilenstein der Reformation in Angriff zu nehmen: Die Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache! Er sah voraus, dass die Reformation nur bestehen konnte, wenn man dem Volk die Bibel in die Hand gab, damit sie sich selbst informieren konnten was Evangelium ist und was nicht. Luther verwendete die Sprache der  deutschen Hofkanzleien, bekannt ist aber auch sein Grundsatz: „Man muss dem Volk aufs Maul schauen!“ Die Menschen sollten die Bibel nicht nur lesen und verstehen, sie sollten sie gerne lesen…  So versuchte er, Wahrheit und sprachliche Schönheit in Einklang zu bringen. Luther schuf mit seiner Bibelübersetzung einen Meilenstein auf der damaligen Suche nach einer einheitlichen deutschen Sprache.

 

Das eigentliche Anliegen Luthers und der Reformation

 

Die Reformation, ursprünglich als innere Veränderung der Kirche gedacht um zahlreiche Missstände abzubauen, führte letztendlich zu einer von Luther nicht beabsichtigten Spaltung der Kirche, aber auch zu einer Spaltung der deutschen Gebiete in katholische und protestantische. Die Reformation setzte auch eine umfangreiche gesellschaftspolitische Entwicklung in Gang: Wirtschaft und Soziales, Sprache und Politik, Musik und Kunst— kaum ein Lebensbereich blieb von der Reformation unberührt.

 

Doch Luther selbst ging es eigentlich nur um geistliche Anliegen, mit der Frage im Zentrum: „Wie wird ein Mensch vor Gott gerecht?“ Die Männer und Frauen der Reformation haben die sogenannte Rechtfertigungslehre nicht erfunden, sondern versuchten, das Evangelium von Jesus Christus wieder so zur Sprache zu bringen, dass es Menschen tröstet und befreit. Das versöhnte Verhältnis zwischen Gott und Mensch geht von Gott aus und ist nicht das Produkt einer „Heilsanstalt“ namens Kirche und kann auch nicht durch eigene gute Taten verdient werden. Daraus ergeben sich auch die „vier sola“ als Grundlage der Reformation:

  • „sola scriptura“— „allein die Heilige Schrift“,  das Wort Gottes als Glaubens– und Lebensregel anstelle von Menschenwort und Tradition. Die Autorität der Bibel als Wort Gottes steht über Päpsten und Konzilien.
  • „solus Christus“— dass Jesus Christus der einzige Weg zum Heil ist, nicht irgendeine Kirchenzugehörigkeit
  • „sola fide“ -  allein durch den Glauben an Jesus Christus wird ein Mensch gerettet und nicht durch fromme Taten oder Ablässe
  • „sola gratia“— allein die Gnade Gottes macht es möglich, dass ein sündhafter Mensch zu Umkehr und Reue kommt und ein Gott wohlgefälliges Leben führt nach den Geboten Gottes, die auch heute noch gültige Maßstäbe für das Leben eines Christen sind.

 

Diese „vier sola“ werden heute auch in den Kirchen der Reformation immer mehr in Frage gestellt und demontiert. Damit verlieren diese Kirchen ihre geistliche Kraft und damit  ihre Attraktivität und Glaubwürdigkeit. Es gäbe nur einen Weg:  Zurück zu den Wurzeln der Reformation! 

                Auch an die anderen geistlichen Schätze, die in der Folgezeit der Reformation wiederentdeckt wurden, muss von Neuem erinnert werden, damit sie nicht vergessen werden:

  • Das allgemeine Priestertum aller Gläubigen
  • Die Glaubens– und Gewissensfreiheit
  • Die Trennung von Kirche und Staatsgewalt
  • Die Gemeinde als Vereinigung aller Gläubigen
  • Der Gemeindegesang
  • Die Bedeutung der religiösen Erziehung der Kinder
  • Die diakonischen Aufgaben innerhalb der Gemeinde und die praktizierte Nächstenliebe nach außen auf einem biblischen Fundament, nach der Frage: Wer ist mein Nächster?

 

Die Reformation endet nicht mit Luther, sie ist kein historisches Ereignis, das in einem Lexikon begraben ist. Sie muss bis zum Ende der Geschichte dieser Welt fortgesetzt werden. Wie das? Luthers großes Werk bestand darin, dass er die Erkenntnis, die ihm Gott gegeben hat, in seiner Zeit weitergegeben hat und damit die damalige Welt veränderte. Dabei hatte er noch nicht alle Erkenntnisse aus dem Wort Gottes empfangen, die die Welt erleuchten sollten. Es gibt noch mehr göttliche Wahrheiten, die bis zum Ende  wieder entdeckt und bekannt gemacht werden müssen, entgegen allen antichristlichen Strömungen dieser Zeit. Die Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus wurde schon immer angefochten und bekämpft, aber sie wird niemals aussterben.! Nach dem Buch der Offenbarung sieht Gott am Ende noch einen Überrest von Gläubigen, die Gottes Kinder sind und sie haben  folgende Merkmale:

Hier ist die Standhaftigkeit der Heiligen; hier sind die da halten die Gebote Gottes und den Glauben an Jesus:“     (Offenb. 14,12)

 

Das sind die Reformatoren der Zukunft.