Lerne JA sagen

„Nein" und „ja" sind zwei kleine, aber wichtige Wörtlein, die jedes Kind bald aussprechen lernt

. „Nein" sagt sich schwerer als „ja", und dennoch sagen es die kleinen Kinder viel lieber und öfter als das kurze, wohlklingende „Ja". Mit „nein" setzen sie eben ihren eigenen Willen oft dem Willen und Geboten anderer Leute und Gottes Gebote entgegen und fühlen dabei, was das Sprichwort sagt: „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich." Der Wille kann aber auch sein Verderben werden. Darum betete einmal einer: „Herr, laß mir meinen Willen nicht, sonst will ich mein Verderben."

Ich weiß von einem Mädchen, das hatte sich von Kind auf das Neinsagen angewöhnt, und die gute, schwache Mutter, die früh Witwe geworden war, vermochte es nicht davon abzubringen. Als die Mutter nun starb, war die Tochter fünfzehn Jahre alt und kam bei fremden Leuten in den Dienst. Auch hier setzte sie ihr Neinsagen fort und wurde dadurch bald wieder entlassen. „Aber ich war doch gerne im Hause", sagte sie verwundert und beleidigt. „Du kannst nicht gehorchen", gab man ihr zur Antwort, „und darum können wir dich nicht gebrauchen". Da merkte Marie - so hieß das Mädchen -, daß man bei Herrschaften nicht „nein" sagen darf, und als sie eine andere Stelle übernahm, vermied sie das Wort. Doch auch hier kündigte man ihr schon nach wenigen Wochen. „Warum denn?" fragte sie, „ich habe doch gehorcht". „Ja schon", sagte die Frau, „aber nur widerwillig. Du hast zwar nicht ‚nein‘ gesagt, aber gedacht. Das merkte ich dir wohl an, und das geht bei mir nicht". Tiefbetrübt und unglücklich verließ sie das Haus. Nicht einmal „nein" denken dürfen, das war arg!

Auf der Straße traf sie ihren alten Lehrer, der fragte sie: „Marie, wie geht‘s? Bist du noch in der ersten Stelle?" „Nein", entgegnete sie ihm, und dann erzählte sie offen und ehrlich, wie es ihr ergangen war. „Liebes Kind", entgegnete der Lehrer darauf, „du leidest an der ‚Nein-Krankheit‘, von der du geheilt werden mußt. Wenn du wieder eine Stelle annimmst, so sage nur gleich ‚ja‘, wenn man dir etwas befiehlt." Marie versprach es, und es war ihr wirklich ernst damit.

Bald hatte sie eine neue Stelle, und morgens pünktlich um sechs Uhr sollte sie sich erheben. Aber schon um halbsechs Uhr rief die Frau: „Marie, willst du nicht schon jetzt aufstehen? Es gibt heute besonders viel zu tun. „Nein", wollte sie sagen; doch sie unterdrückte das böse Wort und antwortete: „Ja, ich komme sofort." „O, das ist schön von dir", begrüßte ihre neue Herrin sie freundlich und gab ihr dann den Auftrag, schnell am Brunnen Wasser zu holen. Das war eigentlich Sache der Köchin, und wiederum drängte sich ein „Nein" auf die Lippen von Marie. Aber sie besann sich eines besseren und führte den Befehl flugs aus. Mit zufriedenem Blick schaute die Frau sie an, und als dies so fortging, wurde sie immer zufriedener mit Marie. Was man auch von ihr verlangte, es hieß immer „ja, ja", und sie wurde auch nicht überfordert. So gab es ein liebliches, friedliches Verhältnis zwischen Marie und ihrer Herrschaft, das sie ängstlich hüteten. Marie war eine glückliche Magd. Als Jesus sie eines Tages aufforderte, ihm zu folgen, da klang ein freudiges „Ja" aus ihrem Munde, und sie wurde ein frohes, gehorsames Gotteskind.

Friedfertigkeit

Luther sagt in seinen Tischreden: „Wenn sich‘s begibt, daß zwei Ziegen einander begegnen auf einem schmalen Stege, der über ein Wasser geht, wie verhalten sie sich? Sie können nicht wieder zurückgehen, so mögen sie auch nicht nebeneinander vorbeigehen; der Steg ist zu eng. Sollten sie denn aufeinander stoßen, so möchten sie beide ins Wasser fallen und ertrinken. Was tun sie dann? Die Natur hat ihnen gegeben, daß sich eine niederlegt und läßt die andere über sich hingehen; also bleiben sie beide unbeschädigt.
Also sollte ein Mensch gegen den anderen auch tun und auf sich lassen mit Füßen gehen, ehe er denn mit einem anderen sich zanken und kriegen sollte."