33 Sekunden bis zum Absturz

Am 20. November 1974 war in Nairobi in Kenia (Ostafrika) die Hölle los.

Ein Jumbo, Typ Boeing 747, war 58 Sekunden nach dem Start aus etwa 50m Höhe abgestürzt. Von den 157 Fluggästen überlebten 98. Von der Besatzung kamen zwei Stewards und drei Stewardessen ums Leben. Wie gerade ich auf wunderbare Weise überlebte, und wie mir dieses Erlebnis den ersten Anstoß gab, über das Woher und Wohin meines Lebens nachzudenken, das möchte ich im folgenden schildern.
Es war schon traumhaft, mit 20 Jahren um die Welt zu fliegen. Nach sieben Wochen Schulung bei der Lufthansa wurde ich als frisch gebackene Stewardess auf Linie geschickt. Zugegeben, stolz war ich, dass sich dieser Traum erfüllt hatte.
Ich stamme aus einem zwar nicht ganz armen, aber keineswegs reichen Elternhaus und wurde mit viel Liebe in traditionell katholischer Weise erzogen. Soweit ich mich zurückerinnere, schlief ich nie ein, ohne gebetet zu haben, und ging auch jeden Sonntag in die Kirche.
Diese guten Gewohnheiten haben mich auch bei der Fliegerei begleitet. Natürlich besuchte ich nicht mehr jeden Sonntag die Messe, aber gebetet habe ich immer. So auch an diesem wunderschönen Abend in Nairobi, wo wir drei sehr schöne Tage Aufenthalt nahmen, bevor wir am nächsten Morgen unseren Weiterflug antraten.
Wir wechselten mit der ankommenden Besatzung ein paar nette Worte, wünschten ihr einen schönen „Feierabend" und gingen an die Arbeit. Ich war mit drei Kolleginnen für den hinteren Bereich im Flugzeug zuständig. Meine erste Pflicht war der Begrüßungsrundgang. Dabei fiel mir gleich eine kleine Gruppe von Nonnen auf, die aufmerksam alles beobachteten.
Zum Start konnte ich mir den Sitz ausnahmsweise selbst aussuchen, da unsere Besatzung überbelegt war.
 

Rettender Platztausch

Wir rollen schon zum Start. Da steht eine Nonne auf und bittet mich, mit ihr den Platz zu tauschen, da sie so gerne am Fenster sitzen möchte. Bereitwillig gehe ich auf ihren Wunsch ein. Der Passagier ist immer „König". Das alles muss jetzt sehr rasch gehen, da wir schon startklar sind. In der Eile setze ich mich auf die rechte Seite in die zweite Reihe.

Die Triebwerke heulen auf, und der schwere, wenn auch nicht vollbesetzte Jumbo rast über die Startbahn. Langsam hebt er ab, und ich beobachte, wie die Bäume des nahe gelegenen Nationalparks immer kleiner werden.

Doch urplötzlich beginnt das Flugzeug zu trudeln. Ich werfe einen Blick auf die „Nicht rauchen"-Zeichen. Sie sind noch an, obwohl sie eigentlich schon abgeschaltet sein müssten. Ich starre - Böses ahnend - aus dem Fenster - und tatsächlich, die Bäume werden wieder größer. Das Flugzeug liegt eher waagrecht als schräg und neigt sich wieder bodenwärts.

Mich lähmt die Angst. Ich kann keine Gedanken sammeln. Nackte Angst erfasst mich. Angst, jetzt sterben zu müssen. Keine Rufe, keine Anweisungen, nichts kommt von vorne. Wir hatten es doch immer so gelernt für Notsituationen. Also nehme ich aus eigenem Antrieb die Nothaltung im Sitz ein und ziehe den Gurt noch etwas fester.

Der Aufprall ist gewaltig. Ich werde besinnungslos. Natürlich habe ich nicht geahnt, dass mich Gott längst behütet und in seiner unermesslichen Liebe vor noch Schlimmerem bewahrt hat.

Als ich aufwache, brennt alles ringsum lichterloh. Vor mir erscheint alles wie eine schwarze Wand, hinter mir sehe ich den freien Himmel. Ich gurte mich los. Ich springe ins Freie und bleibe fassungslos stehen. Soll ich etwa als einzige überlebt haben? Kein Mensch weit und breit.
 

Das unbekannte Mädchen

Da kommt von hinten ein Mädchen meines Alters mit braunen, schulterlangen Haaren auf mich zu. Es legt den Arm um meine Schultern und zieht mich von der Unglücksstelle weg. Kaum sind wir in sicherer Entfernung, explodiert jener Teil des Flugzeuges, in dem ich mich befunden habe. Wie ich später erfuhr, wurde durch diesen Knall meine zweite Kollegin getötet. Die erste war schon beim Aufprall ums Leben gekommen.

Ich entsinne mich wieder des Mädchens. Doch es bleibt verschwunden. Ich sollte es nie wieder ausfindig machen. Später überprüfte ich sämtliche Todeslisten, Passagierlisten und die Liste der Überlebenden, alle mit Bildern, doch nirgends war jemand angeführt, der jenem Mädchen nur annähernd ähnelte oder sein ungefähres Alter aufwies.

Einige Jahre später drängte sich mir immer mehr der Gedanke auf (und heute ist mir das Gewissheit), dass mir Gott einen Enge! gesandt hatte, um mich in Sicherheit zu bringen!

 

Auch Wunder kommen selten allein

Nach der Rettung fühlte ich mich vollkommen in Ordnung. Als ich zu den anderen Überlebenden stieß, versuchte ich so gut wie möglich mitzuhelfen. Da galt es, künstlich zu beatmen, Menschen auf dem schlammigen Boden auf die Seite zu betten und die sehr spät eintreffenden Rettungstrupps zu unterstützen. Nach einigen Stunden allerdings spürte ich erste ziehende Schmerzen im Rücken.
 
Widerwillig ließ ich mich doch auch ins Krankenhaus bringen, wo ich geröntgt wurde. Und da wurde das zweite Wunder offenbar! Es traten zwei Wirbelbrüche zutage, die so geartet waren, dass ich bei jeder falschen Bewegung hätte gelähmt sein können. Viel später begriff ich erst, welch unendliche Fürsorge Gott in meinem Fall hat walten lassen, und zu welch großem Dank ich ihm verpflichtet bin.

Ich kann mit Sicherheit sagen, dass mich dieses Erlebnis dazu getrieben hat, über Gott, Schicksal und Leben ernster nachzudenken, zumal ich auch erfahren habe, dass das Flugzeug beim Aufprall entzweigebrochen war, und die Bruchlinie genau hinter meinem Sitz schräg nach vorne zur linken Seite hin verlief. Das bedeutete, dass auch die Nonne, die meinen Sitz eingenommen hatte, ums Leben kam, genauso wie alle anderen Ordensgenossinnen. Nur eben mein Sitz war als Ganzes in den Frachtraum durchgebrochen (dadurch die hohe schwarze Wand vor mir!), und ich konnte ins Freie springen.
 

Brennende Freude im Herzen

Warum wurde ich auf so wunderbare Weise gerettet?

Die Frage ließ mich nicht mehr los. Ich deckte mich mit Büchern aus allen Richtungen ein - von Parapsychologie über Murphy, fernöstliche Religionen bis zur Bibel. Überall nahm ich gerade so viel heraus, wie für mich wichtig war. Doch auch darin lenkte mich Gott, denn gerade in dieser Zeit führte er mich mit lebendigen Christen zusammen, die darauf beharrten, dass nur in Jesus die Fülle des Lebens zu finden sei, und nur die Heilige Schrift wahrhaftige und zuverlässige Antworten auf die Fragen des Lebens gebe.

So wandte ich mich allmählich diesem Buch zu, und tatsächlich, ich erkannte Jesus. Das war wohl meine große Lebenswende. Dadurch - und nur dadurch - konnte ich auch jene schwere Zeit überstehen, als ich und mein lieber Mann unser erstes Kind, unseren Christian, im Alter von drei Jahren verloren.

Wie wunderbar hatte Gott auch für diese Zeit der Trauer gesorgt! Er sandte uns einen Buchevangelisten, der uns wieder mit dem Prediger der Adventgemeinde bekanntmachte. Ich spürte förmlich, wie mit jeder Bibelstunde meine Beziehung zu Jesus tiefer wurde. Heute brennt mein Herz, und es gibt nichts Schöneres, als anderen Menschen die frohe Botschaft weiterzusagen.