Gottes Wege sind nicht unsere Wege

und Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken

 Als ich vor der Geburt unseres zweiten Kindes stand und in der Heide weitab von einem Ort wohnte, hatte keine Hebamme Lust, des Nachts in diese Einöde zu kommen. Jede gebrauchte allerlei Ausreden, um nicht kommen zu müssen.

Man verwies mich in die nächste Stadt. Unser erstes Kind war damals 1 1/2 Jahre alt. Durch die Einsamkeit war es menschenscheu und nicht zu bewegen, zu irgendeinem Menschen zu gehen, obwohl es ein besonders liebes und gutmütiges Kind war. Aber ich konnte es nicht in ein Krankenhaus mitnehmen.
Wir baten Gott um einen Ausweg.
Auf der Hauptlandstrasse nach Bremen lag ein neu gebautes Haus. Vor kurzem hatten wir diese liebe Familie kennen gelernt und die Frau erbot sich, mit Einverständnis ihres Mannes, mich mit meinem Kind aufzunehmen. Auch nach der Geburt sollte ich noch einige Zeit, ohne jede Entschädigung bei ihr bleiben.
Als mir mein Mann diese Botschaft brachte, freute ich mich sehr, wir knieten nieder und dankten Gott. Doch was war das - der Geist Gottes sagte:
"Nein, dorthin gehst du nicht!" Ich war doch froh einen Ausweg gefunden zu haben, fügte mich jedoch der Stimme der Herrn und betete: "Herr, wenn Du es mir verwehrst, tue ich es nicht, aber bitte hilf mir dann, wenn es soweit ist."
Nach einigen Tagen kam mein Mann in ein vornehmes Haus. Die Eigentümerin, eine ältere Dame, sagte zu meinem Mann: "Sagen Sie mal, Sie bedrückt doch etwas." -
"Ja", meinte er und erzählte ihr alles.
Sie antwortete: "Ich habe oben ein schönes Zimmer. Bringen Sie Ihre Frau und Ihr Kind her; ich werde sie pflegen, bis sie mit dem zweiten Kind wieder heim gehen kann, und ich will auch nichts dafür haben."
Dort war ich in guten Händen und als ich im Wochenbett lag, war sie wie eine Mutter zu mir.
Nun der Grund, warum ich nicht in dieses Haus gehen sollte: In den Stunden während der Geburt brannte das neue Gehöft innerhalb von zwei Stunden bis auf die Grundmauern nieder und die Leute hatten durch schleunigste Flucht nur ihr nacktes Leben retten können - Ja, und ich wäre vielleicht in den Flammen zugrunde gegangen oder bei der Rettung gestorben. Hätte ich nun wie Lot damals gesagt: (1. Mose 19,18)
"Ach, nein, Herr", dann hätte ich ein ähnliches Schicksal wie Lots Frau erlitten. Anfangs war ich so froh, dass uns die Familie nach langem, vergeblichem Suchen aufnehmen wollte; doch der Herr sprach: "Nein". - "meine Gedanken sind nicht eure Gedanken".
Tue alles, o Menschenkind, was der Herr dir sagt, auch wenn du es nicht begreifen kannst. Glaube dem Herrn, Er hat noch nie etwas verkehrtes getan.

Ein Leben mit Gott - von Klara Pusch (1888 - 1975) 3. Auflage 2000.