Ein Mittel gegen Klatsch

Vor Jahren lernte ich einen Mann kennen, der duldete es nie, dass in seiner Gegenwart über einen Dritten abfällig gesprochen wurde. Kaum hatte einer mit solchem Gespräch begonnen, so stellte er drei Fragen.
Die erste Frage lautete: „Wissen Sie das ganz genau, was Sie da sagen?"
In den meisten Fällen hieß es dann: „Na, so ganz genau weiß ich es natürlich nicht. Aber Frau X hat es mir zählt, und die hat es von Herrn Y, der es von einem gehört haben soll, der es ganz genau weiß." Nun, das reichte dann meistens. Mein Freund sagte: „Schweigen Sie, und sagen Sie es auf keinen Fall mehr weiter."
Es konnte aber auch sein, dass jemand erwiderte: „Ja, ich weiß es ganz genau. Ich habe es selber gesehen, beobachtet oder sogar aus seinem eigenen Munde gehört." Dann stellte der Mann seine zweite Frage. „Haben Sie mit dem Betreffenden schon persönlich gesprochen und es ihm gesagt, dass Sie Anstoß an seinem Verhalten genommen haben oder dass so über ihn geredet wird, oder waren Sie zu feige dazu?" Die Antwort war meistens: „Ich habe natürlich noch nicht mit ihm selbst darüber gesprochen." Darauf sagte er: „Aber das ist doch gar nicht natürlich. Natürlich wäre es, wenn Sie zuerst mit ihm sprächen, denn ihn geht es an."
Es konnte wohl vorkommen, dass einer aber sagte: „Ich habe nicht den Mut dazu, mit dem anderen zu sprechen. Es ist mir peinlich." Dann kam die dritte Frage: „Wünschen Sie, dass ich mit dem Menschen spreche und ihm sage, was
Sie mir soeben von ihm erzählt haben?" Das wünschte natürlich erst recht selten einer.
So blieb mein Freund vor vielem Tratsch und Klatsch bewahrt. Zu ihm kam jeder nur einmal zum Klatschen und war dann gründlich bedient. Ach, wenn wir es lernen könnten, nach diesem Rezept zu handeln, dann würde manches Unglück verhütet!

Walter Golze